Pfarrer Adler und Heiko Wolkenstein vor der Madonnenstatue

Die Madonna in der Leutenbacher Kirche sei so anders als Madonnenstatuen, die man sonst in Kirchen sehe, sagt Wolkenstein. Was ist das Besondere an ihr? Der Bischof erinnert sich in seinem Grußwort: „Es war allen Beteiligten ein gemeinsames Anliegen, ein Marienbild zu gestalten, das an die Tradition anknüpft und zugleich die damals aktuellen Fragen und Herausforderungen aufnimmt, um so zu einer neuen und ausdrucksstarken Gestalt und Gestaltung zu finden, die zum Nachdenken anregt und zum Gebet einlädt. Die Leutenbacher Madonna, die dann geschaffen wurde, passt nicht in das gängige Schema der Muttergottes mit dem Jesuskind: Die Mutter trägt ihr Kind nicht auf dem Arm, sie selbst erscheint nicht in heiliger erhabener Aura.“

Kirstein gestaltete die Madonnenstatue als selbstbewusste Orientalin

Heiko Wolkenstein und Sigrid Schorn, die den Gottesdienst zusammen mit Andreas Renz vorbereitet haben, weisen auf einige Details der Marienstatue hin: Die Hände fielen sofort in den Blick, legt der Kirchengemeinderatsvorsitzende dar. Er legt dar: „Maria hält ihren aufgeweckten Jungen nur leicht an den Handgelenken. Das zeigt sehr viel Vertrauen und Zuversicht. Dann Jesus: Er wirkt so, als wolle er gleich ganz alleine loslaufen – den Blick selbst bewusst hinaus in die Welt gerichtet. Dazu weist er mit seinen Zeigefingern nach oben, als wollte er sagen: Da oben ist, Gott, mein Vater.“ Auch wenn die Leutenbacher Madonna keine große Verklärung als Himmelskönigin darstellt, so gibt es doch einige Details, die an das in der christlichen Ikonographie vorkommende Bild Marias aus der Offenbarung des Johannes als himmlische Königin hinweisen. „Maria trägt den Meerstern auf der Stirn“, erklärt Sigrid Schorn. Zudem zierten Sterne eine Brosche, die den Mantel der Madonna zusammenhalte. Die Leutenbacher Madonna zeige Maria als „schöne, starke, selbstbewusste Orientalin“, sagt Schorn.

Der Umstand, dass der Erschaffer der Marienstatue, Martin Kirstein, Maria als Orientalin dargestellt hat, habe 1985/1986 zu Diskussionen geführt, erinnert Pfarrer Gerhard Idler im Zeitzeugengespräch, das Michaela Couzinet-Weber, Gemeindemitglied von St. Jakobus und Stadtarchivarin der Stadt Winnenden, moderiert. „Kirstein kannte sich vorzüglich in der bildnerischen Tradition aus“, so Idler weiter. Seine geschaffene Skulptur sei eine Anerkennung Marias als Frau des Vorderen Orients.

Katastrophe von Tschernobyl beeinflusste Gestaltung der Marienstatue

Der Sockel der Statue – eine Idee, die Kirstein damals unter dem Eindruck aktueller Ereignisse entwickelte – zeigt verschiedene Gegenstände der Technik sowie Vertreter aus dem Pflanzen- und Tierreich. Im Hintergrund des Werkes ist ein Atomsymbol zu sehen, das auf die finale Entstehungsphase des Werkes hinweist: auf die Kernreaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986. Der ehemalige Leutenbacher Pfarrer erklärt die symbolische Bedeutung des Sockels: Die dortigen pflanzlichen Elemente überwuchern die Verwundungen, die durch die Technik entstehen können: „Da wo Christus hintritt, wächst Heilung“.

Pfarrer Idler beschreibt, dass er den Winnender Künstler Martin Kirstein (Jahrgang 1939), der 1970 einen Steinbruch zwischen Bürg und Höfen übernommen hatte, als sehr bescheidenen Menschen kennengelernt hatte: „Er hat uns einbezogen. Man hatte das Gefühl, dass er mit uns zusammen schafft.“ Gleichwohl habe Kirstein von der Gemeinde nicht viel vorgeschrieben bekommen und seine Vorstellungen klar eingebracht. Die einzige Vorgabe sei gewesen, dass er eine Mutter darstellen solle, die ihr Kind in das Leben führt. „Wie er das umsetzte, war in seiner Freiheit.“

Auf Kirstein sei er persönlich gekommen, da dieser bereits eine Jakobuspilgerfigur an der Winnender Schlosskirche gestaltet hatte. Der Winnender Künstler sei mit dem Rohling damals eigens nach Verona zum Finishing gefahren. Idler legt dar, dass die Madonnenfigur die Gläubigen persönlich ansprechen solle und so einen Gegenpol zur eher abstrakten Kirchenarchitektur der St. Jakobuskirche bilde. Später seien noch die Kreuzwegstationen und die Jakobusstatue dazugekommen, Letztere ebenfalls von Kirstein gestaltet – bei deren Fertigstellung war Idler jedoch schon an einer anderen Pfarrstelle tätig.

Text: Kevin O'Brien
Bild: Helmut Schorn